Montag, 10. Juni 2013

Wie werde ich, der ich bin? Wie werde ich ganz?

Gregorius möchte erfahren, wie es ist, Amadeu Prado gewesen zu sein; er trifft sich mit Menschen, die den Arzt gekannt, mit ihm gelebt haben, ihm in Freundschaft verbunden waren.
Er sucht Maria João auf, „die grosse, berührungslose Liebe seines Lebens“, wie Mélodie, Amadeus Schwester, sie genannt hatte; sie ist um die 80 und strahlt „eine unauffällige und doch vollkommene Sicherheit und Selbständigkeit aus“.
Nachdem er ihr seine Geschichte erzählt hat, gibt sie ihm einige Aufzeichnungen Prados, die er ihr zur Aufbewahrung gegeben hat, zu lesen. Im Text MEMENTO MORI findet sich unter anderem dies:
Verschwende deine Zeit nicht, mach aus ihr etwas Lohnendes. Doch was kann das heissen: lohnend? Endlich dazu übergehen, langgehegte Wünsche zu verwirklichen. (...) Sich selbst nicht verfehlen.“
Was Prado schreibt, findet sich zwar bei vielen Philosophinnen, Denkern, Künstlerinnen und Künstlern – und liegt im Grunde bei uns allen im Bewusstsein eingebettet. „Sich selbst nicht verfehlen“ ist jedoch vermutlich die komplexest mögliche Aufgabenstellung, die wir zu lösen haben, und es ist anzunehmen, dass wir ein ganzes Leben dafür brauchen (und wahrscheinlich erst in der Todesstunde wirklich spüren, ob wir der Lösung näher gekommen sind).
Vielleicht haben wir eine Ahnung, zumindest eine Ahnung dessen, was und wer wir eigentlich sein könnten, sein müssten – wenn wir nur gedurft oder gekonnt hätten. Insbesondere bei Arno Gruen (siehe frühere Einträge in diesem Blog) und bei C. G. Jung geht es um dieses Thema. An die analytische Psychologie des Letzteren erinnert auch das, was Maria João sagt über Estefânia: „Er muss gespürt haben, dass sie für ihn die Chance war, ganz zu werden. Als Mann, meine ich.“

Vielleicht ist es tatsächlich das Ziel eines jeden menschlichen Lebens: ganz zu werden (nicht nur als Mann). Die abgespaltenen, verdrängten Seiten des Ichs zu integrieren. Alle Begabungen und Talente, alle Facetten seines Wesens zu beleben, zum Leuchten zu bringen, zu leben. Ein ganzer Mensch zu werden und zu sein.
Vielleicht spürt Gregorius Mundus diesen inneren Anruf? Vielleicht hat er ihn in der Begegnung mit der rätselhaften Frau auf der Brücke vor einem knappen Monat erstmals wirklich vernommen und verstanden? Vielleicht geht es letztlich weniger um Prado als um den „Papyrus“ (wie ihn seine Schüler zu nennen pflegten)?

Ganz werden kann man nur in der Begegnung mit anderen (Buber würde sagen: im Dialog mit einem Du). Mit wem hat sich Amadeu Prado zusammen getan?
Er hat einen Freund, Jorge O'Kelly, den Apotheker.
Und dann sind da wichtige Frauen:
Adriana, seine Schwester, der er das Leben gerettet hat und die sich seither für ihn aufopfert und gleichzeitig die einzige „Frau an seiner Seite“ sein möchte.
Maria João Ávila, mit der ihn „eine lebenslange Freundschaft“ veband.
Fátima, seine Frau, die er – nach Ansicht von Maria João - „bevormundet hat“, deren Tod zwar Erschütterung war für ihn, aber keine, die „in die tiefste Tiefe hineingedrungen wäre“.
Estfânia, die junge Widerstandskämpferin, von der Maria João sagt: „Das gibt es ja: Dass man nicht weiss, was jemandem fehlt, bis er es bekommt, und dann ist mit einem Schlag ganz klar, dass es das war.“
Frauen(typen), welche Prados Anima nähren, damit er seiner Ganzwerdung näher kommen kann?

Mir gefällt die Vorstellung, dass mein Unbewusstes mich zu den Menschen führt respektive mich mit den Menschen zusammenbringt, die mich weiterbringen in der oben erwähnten Aufgabe. Zu hoffen bleibt, dass ich meinerseits (unbewusst) auch etwas beitragen kann zu deren Entwicklung.

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