Donnerstag, 6. Juni 2013

Wann wird aus der Zeit meine Zeit?

Nach drei Wochen Aufenthalt in Lissabon merkt Gregorius, „wie sich in der Tiefe etwas umschichtete.“ Zum ersten Mal im Leben hat er den Eindruck, die Zeit gehöre ganz ihm; „sie war einfach die Zeit, in der Raimund Gregorius sein neues Leben lebte.“ Auch in einem Eintrag in Prados Buch, TEMPO ENIGMÁTICO. RÄTSELHAFTE ZEIT wird er auf das Phänomen Zeit gestossen:
Wovon hängt es ab, wenn wir einen Monat als eine erfüllte Zeit, unsere Zeit erlebt haben statt einer Zeit, die an uns vorbeigeflossen ist, die wir nur erlitten haben, die uns durch die Finger geronnen ist, so dass sie uns wie eine verlorene, verpasste Zeit vorkommt, über die wir nicht traurig sind, weil sie vorbei ist, sondern weil wir aus ihr nichts haben machen können? Die Frage war also nicht: Wie lange ist ein Monat, sondern: Was könnte man für sich aus der Zeit eines Monats machen? Wann ist es so, dass ich den Eindruck habe, dass dieser Monat ganz meiner gewesen ist?“
Wann also wird aus der Zeit meine Zeit? Wann beginne ich in ihr zu wohnen, statt mich von ihr mitreissen, fortreissen zu lassen? Wann erlebe ich den rinnenden Sand im Stundenglas nicht mehr als Beobachter, sondern als rinnendes Sandkorn?
Bin ich dann ein Bewohner meiner Zeit, wenn ich sie vergesse? Oder erst recht ein Fremdling ausserhalb? Kann ich über (meine) Zeit verfügen? (Wie es im militärischen Befehl anklingt: „Sie können jetzt verfügen!“) Oder zwingt sie mir ihren irreversiblen Rhythmus des Fortgangs auf?
Kann man zeitvergessenes Dasein als reine Gegenwärtigkeit vielleicht sogar Glück nennen, wie J. J. Rousseau es in seinem berühmten 5. Spaziergang in den Rêveries du promeneur solitarire tut?
Mais s'il est un état où l'âme trouve une assiette assez solide pour s'y reposer tout entière et rassembler là tout son être, sans avoir besoin de rappeler le passé ni d'enjamber sur l'avenir ; où le temps ne soit rien pour elle, où le présent dure toujours sans néanmoins marquer sa durée et sans aucune trace de succession, sans aucun autre sentiment de privation ni de jouissance, de plaisir ni de peine, de désir ni de crainte que celui seul de notre existence, et que ce sentiment seul puisse la remplir tout entière ; tant que cet état dure celui qui s'y trouve peut s'appeler heureux, non d'un bonheur imparfait, pauvre et relatif tel que celui qu'on trouve dans les plaisirs de la vie, mais d'un bonheur suffisant, parfait et plein, qui ne laisse dans l'âme aucun vide qu'elle sente le besoin de remplir.“
In der Landschaft der Zeit herumwandern lässt einen viele Fragen entdecken, deren Antworten ihrerseits dem Wandel unterliegen – wie die Zeit, wie die Sanddünen. Nur eines ist ganz klar: Selbst wenn ich die Zeit vergesse, bleibt sie da als meine Zeit, die irgendwann abläuft. Ganz im Sinne des Zeitforschers Karlheinz Geisslers aus München, der in einem Interview gesagt hat:
Die neuen Systeme geben keine Zeiten vor. Sie sind ohne Zeitordnung – das ist das Problem. Das Internet ist ein zeitliches Nirwana. Fehlende Zeitvorgaben suggerieren zeitliche Freiheit, ja Zeitlosigkeit zu Lebzeiten. Das ist hoch attraktiv und macht süchtig. Alles wird möglich, von der Müdigkeits- bis zur Todesverdrängung. Diese Illusion muss man den Nutzern nehmen und ihnen sagen: Du selbst bist Zeit! Alles, was du der Zeit antust, tust du dir selber an.“

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