Mittwoch, 12. Juni 2013

Unser Leben gleicht der Reise: Bern – Lissabon – Finisterre und zurück

Ein Thema in Pascal Merciers Roman Nachtzug nach Lissabon verdichtet sich zusehends: das Thema des Reisens, des Unterwegsseins, des Entdeckens unbekannter Gegenden.

Da sei zuerst Gregorius' eigene Reise ins Unbekannte genannt; auf den Spuren des Goldschmieds der Worte, Amadeu Prado, reist er von Bern nach Lissabon, von da nach Coimbra und weiter über die spanische Grenze ans „Ende der Welt“, das Kap Finisterre – und wieder zurück. Unterwegs erlebt er sich selber neu, kleidet sich neu, lernt eine neue Sprache, verpasst sich eine neue Brille und entdeckt so die Welt, das Leben neu. Innerhalb eines Monats erlebt er so viel, dass es zum schwindlig Werden ist; effektiv wird er immer häufiger von Schwindel erfasst, zwei Mal bricht er zusammen und muss fortan von panischer Angst vor einem Gehirntumor begleitet seinen Aufenthalt in Portugal durchleben.

Gregorius' Quasi-Reiseführer ist Prados Buch, ein eigentliches Kompendium philosophischer Texte. Darin findet sich – man ist geneigt zu sagen: natürlich – auch ein Text zum Thema: ESTOU A VIVER MIM PRÓPRIO COMO NUM COMBOIO A ANDAR. ICH WOHNE IN MIR WIE IN EINEM FAHRENDEN ZUG. Dieser Text beginnt so:
Ich bin nicht freiwillig eingestiegen, hatte nicht die Wahl und kenne den Zielort nicht. Eines Tages in der fernen Vergangenheit wachte ich in meinem Abteil auf und spürte das Rollen. (...) Es war in Coimbra, auf einer harten Bank im Hörsaal, als mir bewusst wurde: Ich kann nicht aussteigen. Ich kann das Geleise und die Richtung nicht ändern. Ich bestimme das Tempo nicht.“
Der im Abteil aufliegende Fahrplan enthält nur leere Seiten. Die Abteiltür zu öffnen ist unmöglich. Manchmal kommt Besuch. Wenn man aus dem Fenster schaut, sieht man weder die Lokomotive noch das Ende des Zugs. Vielleicht fährt man im Kreis?
Die Reise ist lang. Es gibt Tage, wo ich sie mir endlos wünsche. ... Es gibt andere, wo ich froh bin zu wissen, dass es einen letzten Tunnel geben wird, in dem der Zug für immer zum Stillstand kommt.“
Das Bild des Lebens als Reise ist zwar sehr bekannt – man lese nur Erich Kästners Eisenbahngleichnis, man höre das Beresinalied , letztlich ist es jedoch ausserordentlich passend, denn es macht auf einen Blick sichtbar, was wir alle in einem Nacheinander erleben. Es erstaunt also nicht, wenn Gregorius in einem Antiquariat auf ein Buch stösst, „zufällig“, das er schon auf Prados Schreibtstisch liegen gesehen hat. Es trägt den Titel O MAR TENEBROSO und enthält Bilder und Texte zum Cabo Finisterre, dem ein leidenschaftliches Interesse Prados galt. Beim Blättern nehmen ihn Worte des muselmanischen Geographen El Edrisí aus dem 12. Jahrhundert gefangen:
Man sieht nicht weiter als bis zu Himmel und Wasser, und sie [die Bauern] sagen, das Meer sei so stürmisch, dass niemand auf ihm habe fahren können. (...) Niemand weiss – sagt man uns –, was es in diesem Meer gibt, und man kann es auch nicht untersuchen, denn es gibt zu viele Hindernisse, die sich der Schiffahrt entgegenstellen: die tiefe Finsternis, die hohen Wellen, die häufigen Stürme, die zahllosen Ungeheuer, die es bevölkern, und die heftigen Winde.“
Das Bild des Lebens als Reise verdichtet sich hier und wird zur eigentlichen Nachtmeerfahrt, einer Reise ins und durchs Unbewusste (siehe diesen Begriff bei C. G. Jung), durch Finsternis, drohende Wellen und vorbei an lauernden Ungeheuern. Sie gilt es zu bestehen.
Eine solche Reise macht auch Gregorius durch; was anfänglich nach einer reinen Spurensuche aussah, ausgelöst von einer mysteriösen Frau und einem portugiesischen Wort, erweist sich zunehmend als Reise durch das nächtliche seelische Innere, auf der Mundus mit schwierigsten Situationen konfrontiert wird wie der, dass er sich plötzlich nicht mehr zu erinnern vermag an das Wort, das bei Homer nur ein einziges Mal vorkommt (es wird ihm bezeichnenderweise auf der Rückfahrt, also beim langsamen Wiederauftauchen, von seinem Gehirn „geschenkt“) oder den Schwindelanfällen und Panikattacken.

Dass der reisende Gymnasiallehrer auf der Rückfahrt nach Lissabon an Kafkas Landvermesser denkt, der Einlass begehrt ins Schloss, ist nur noch das Pünktchen aufs I der Reisemetaphorik,welche dieser Roman ausbreitet. Gregorius Mundus wird in die Schweiz zurückkehren; nach Erreichen des Wendepunkts (Cabo Finisterre) kann es bekanntlich nur noch retour gehen.

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