Dienstag, 4. Juni 2013

Darf man einen Menschen töten, um viele Menschenleben zu retten?

Wieder einmal fährt Gregorius zu João Eça zum Schachspiel. Diesmal aber beginnt João zu erzählen, erzählt die Geschichte von Estefânia Espinhosa und Jorge O'Kelly, dem Mädchen mit „dem unglaublichen Gedächtnis. Vergass nichts, Adressen, Telefonnummern, Gesichter.“ Dieses Mädchen, das von O'Kelly geliebt wird, das sich aber zu Amadeu hingezogen fühlt, der es jedoch wegen „der eisernen Barriere der Loyalität gegenüber Jorge“ abweist – dieses Mädchen wird zum Zentrum des Widerstands gegen Salazar. Denn „das ganze Lissaboner Netz ist hinter ihrer Stirn“, etwa zweihundert Leute. Als ein Mitglied der Widerstandsgruppe verhaftet wird und anzunehmen ist, dass die Geheimpolizei sehr bald auch Estefânia jagen wird, will O'Kelly sie töten. „Es geht um viele Leben. Ein Leben gegen viele, das ist seine Rechnung.“ Ein vertretbarer Mord?
Amadeu bringt sie ausser Landes; „als er zurückkam, wurde er krank.“

Diese Geschichte ist nicht nur als solche spannend; sie wirft auch philosophische Fragen auf und zeigt das schier übermenschliche doppelte Dilemma, in welchem Amadeu steckt:
  • Seiner Liebe, „seinem Hunger“ nachgeben, Estefânia lieben – oder die Loyalität gegenüber seinem Freund hochhalten?
  • Das Ansinnen des Freundes unterstützen und ihn Estefânia umbringen lassen – oder sie vor ihm (und Salazars Schergen) zu retten versuchen und damit den Widerstand und die Freundschaft in Gefahr bringen?


Darf man einen Menschen töten, um viele Menschenleben zu retten?
Dieser Frage geht Michael J. Sandel in seiner berühmten Harvard-Vorlesung „Justice: What's The Right Thing To Do?“ nach, die millionenfach abgerufen wurde auf Youtube und die jetzt auch als Buch in Deutsch vorliegt.
Sandel zeigt auf, dass es zwei 
„konkurrierende Annäherungen an das Problem der Gerechtigkeit gibt. Dem ersten Ansatz zufolge hängt die Moral einer Handlung allein von den Folgen ab, die sie nach sich zieht; richtig handeln wir demnach, wenn daraus nach Abwägen aller Umstände etwas Gutes herauskommt. Dem zweiten Ansatz zufolge dürfen wir uns moralisch gesehen nicht ausschliesslich um die Konsequenzen einer Handlung sorgen, weil unser Sozialleben durch bestimmte unbedingt zu respektierende Pflichten und Rechte gekennzeichnet sein sollte.“
Und etwas später:
„Hängt Moral davon ab, dass wir Kosten und Nutzen gegeneinander abwägen (oder Leben gegeneinander aufrechnen)? Oder sind bestimmte moralische Pflichten und Menschenrechte so grundlegend, dass sie über solchen Abwägungen stehen?“
Schauen Sie sich die erste Vorlesung an und geniessen (ja: geniessen) Sie, wie Sandel seine Argumente aus packenden Fragen heraus rhetorisch brillant entwickelt!

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