Mittwoch, 15. Mai 2013

Wo findet man sich wieder, wenn man sich verloren hat?


Nach zwei Wochen in Lissabon fliegt Gregorius Mundus nach Hause; er merkt, dass er „dabei ist, sich zu verlieren“, dass ihm schon das Wort português, das ihn vor kurzem noch verzaubert hat, angst macht. „Er wollte nach Hause.“
Er war zurückgekehrt, weil er wieder an dem Ort hatte sein wollen, wo er sich auskannte. Wo er nicht Portugiesisch sprechen musste oder Französisch oder Englisch.“
Er schläft wieder in seiner eisigen Wohnung, er versucht den Bubenbergplatz zu „berühren“, er schleicht sich des Nachts ins Gymnasium, er will über die Kirchenfeldbrücke gehen, er sucht die Wohnung von Florence, seiner ExFrau auf, später noch das Haus, in dem er aufgewachsen war – doch das, was in einem Gedicht Rilkes wunderbar beschrieben wird:
Es winkt zu Fühlung fast aus allen Dingen,
aus jeder Wendung weht es her: Gedenk!
Ein Tag, an dem wir fremd vorübergingen,
entschließt im Künftigen sich zum Geschenk.“
erlebt er nicht. Im Gegenteil: Schwindel erfasst ihn, Panik überfällt ihn, „sich selbst zu verlieren.“ An einem einzigen Ort nur fühlt er sich geborgen: in Prados Sätzen – sie geben ihm auch jetzt Heimat. In der Tat kann man in Texten, in der Sprache wohnen; Heidegger hat das bereits 1946 in seinem Brief Über den Humanismus geschrieben:
"Die Sprache ist das Haus des Seins. In ihrer Behausung wohnt der Mensch. Die Denkenden und Dichtenden sind die Wächter dieser Behausung. Ihr Wachen ist das Vollbringen der Offenbarkeit des Seins, insofern sie diese durch ihr Sagen zur Sprache bringen und in der Sprache aufbewahren."
Nach einem Abstecher nach Moutier und an die Universität informiert er seine Nachbarin, dass er „für längere Zeit verreisen müsse“ und fliegt zurück nach Lissabon, wo er sein altes Hotelzimmer bezieht. „Der Hotelpage ... erkannte ihn und redete wie ein Wasserfall. Gregorius verstand kein Wort.“

Wer sich verändert, wird sich als der, der er war, zu einem Teil verlieren (müssen). Worauf kann er sich dann noch verlassen?

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