Donnerstag, 9. Mai 2013

Ist der Traum vom abgerundeten Leben erfüllbar?

Mundus trifft in Prados Buch auf einen Text, der ein Gespräch zwischen den beiden grossen Freunden, Amadeu Prado, dem Arzt, und Jorge O'Kelly, dem Apotheker beschreibt. Darin geht es um Jorges Todesangst, weil er realisiert, dass sein Leben zu Ende gehen wird, ohne dass er alles das verwirklicht hat, was er verwirklichen wollte. „Es gibt Dinge, die ich nicht mehr rechtzeitig werde tun können“, sagt er. Prado treibt im Gespräch mit seinem Freund diesen Gedanken weiter, fragt sich, warum die Einsicht in die Unmöglichkeit, sein Leben als Ganzheit quasi abzurunden, bestehen mag und notiert:
Und so könnte man die Angst vor dem Tod beschreiben als die Angst, nicht der werden zu können, auf den hin man sich angelegt hat. Das taghelle Bewusstsein der Endlichkeit, ... verstört uns wie nichts anderes, weil wir, oft ohne es zu wissen, auf eine solche Ganzheit hin leben... Wenn die Gewissheit über uns hereinbricht, dass sie nie mehr zu erreichen sein wird, so wissen wir plötzlich nicht mehr, wie wir die Zeit, die nun nicht mehr daraufhin durchlebt werden kann, leben sollen.“
Wovon träumen wir? Was möchten wir in unserem Leben verwirklichen? Orgel spielen lernen. Fliegen lernen. Um die Welt reisen. Bundesrätin werden. Den Eiffelturm aus Zündölzern nachbauen. Den Nobelpreis für Physik bekommen.
Wovon träumen wir? Was wollen wir im Leben erreichen? Stimmt, was Prado irgendwo notiert hat: Das Leben ist nicht das, was wir leben; es ist das, was wir uns vorstellen zu leben.“

Dieses – bewusste oder unbewusste – Leben auf eine Ganzheit hin wird in dem Moment notwendigerweise frustriert, als das Bewusstsein der „vita brevis“, von der Endlichkeit also, über uns hereinbricht. Man könnte jetzt Texte aus der Bibel oder Barocklyrik zitieren, um zu zeigen, dass Flüchtigkeit und Unabgerundetheit dem Leben immer schon eingeschrieben waren und sind, dass Ganzheit (im Sinn einer vollständig abgearbeiteten Liste von Tätigkeiten, die man sich vorgenommen hat) unerreichbar bleiben wird. Oder, wie Odo Marquard es in seinen Texten Endlichkeitsphilosophisches. Über das Altern ausdrückt:
Eine andere Zukunftsillusion ist die Vollendungsillusion: unsere Zeit sei die Zeit für die Vollendung von Werken, für die Vollendung unseres Lebens, für die Vollendung der Menschheitsgeschichte. Auch das ist eine Illusion; denn wir sind alsbald ohne Rücksicht auf Vollendungen am Ende. Unsere Mortalität besiegt unsere Finalität. Unser Tod ist stärker als unsere Ziele. (...) Denn auch das Alter ist als Verwandlung des Lebens in den Tod die Verwandlung einer gespannten Erwartung in nichts.“
Das Leben führt nirgendwohin.

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