Mittwoch, 8. Mai 2013

Gibt es richtiges Handeln im falschen?

Im Innersten berührt durch Worte eines unbekannten Portugiesen in einem zufällig gefundenen Buch, in innere Schwingung versetzt durch den Klang des Wortes Português aus dem Munde einer mysteriösen Unbekannten, ist Raimund Gregorius vor zehn Tagen mitten aus einer Lateinlektion davon gegangen, hat sich in den Nachtzug nach Lissabon gesetzt – aus Gründen, die ihm selber nicht klar sind: „Wieso er denn eingestiegen sei, fragte der strenge Schaffner, und dazu noch erster Klasse“ träumt er nach gut einer Woche Lissabon, in welcher er dem bewunderten Verfasser des Buches, dem „Goldschmied der Worte“,Amadeu Prado näher gekommen ist.
Er hat viel Wesentliches aus dessen Geschichte erfahren von seinen Schwestern, von einem ehemaligen Mitkämpfer im Widerstand gegen das Salazar-Regime und einem ehemaligen Lehrer am Liceu, Pater Bartalomeu. Er kennt jetzt die grossartige Abschlussrede, welche der damals 17-Jährige in perfektem Latein gehalten hatte und deren Schlussworte lauten:
Ich möchte nicht in einer Welt ohne Kathedralen leben. ...Ich brauche die Heiligkeit von Worten, die Erhabenheit grosser Poesie.. All das brauche ich. Doch nicht weniger brauche ich die Freiheit und die Feindschaft gegen alles Grausame. Denn das eine ist nichts ohne das andere. Und niemand möge mich zwingen zu wählen.“
Er weiss jetzt auch um diesen „feuchten Tag im August des Jahres 1965“, wo Prado, der Arzt geworden war, den „Schlächter von Lissabon“, den Chef der Geheimpolizei Rui Luís Mendes vor dem sicheren Tod gerettet hat; hätte er ihm nicht Digitalis mitten in den Herzmuskel gespritzt, wäre Mendes gestorben. Diese Massnahme hat die Menschen der Stadt gegen ihn aufgebracht; Prado wurde angespuckt, als Verräter beschimpft – und hat der aufgebrachten Menge nur die Sätze „Sou médico“ und „É um ser humano, uma pessoa“, eine Person, entgegenzusetzen vermocht. In einem langen Text, den Adriana Mundus zum Lesen mitgibt, versucht Prado seine Handlungsweise zu verstehen. „Habe ich es für ihn getan – oder für mich selber?“ ist dabei die leitende Frage.

Dieser Text im Text stellt eine Problematik ins Zentrum, die auch im aktuell meistgesehenen Youtube-Video behandelt wird: In Michael Sandels hoch spannender 1. Vorlesung über Gerechtigkeit: The Moral Side of Murder. (Eine Vorlesungsreihe, die Sandel auch zu einem Buch ausgearbeitet hat: Gerechtigkeit.) Darf ich jemanden umbringen, um andere zu retten? In Prados Fall war es umgekehrt: Durfte er jemanden retten, der später andere umbringen lassen würde? Prado hatte sich für den hippokratischen Eid entschieden und Bartalomeu später gesagt: „Ein Leben gegen viele Leben. So kann man doch nicht rechnen, oder?“



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