Montag, 27. Mai 2013

Der Brief an den Vater

Adriana kommt überraschend zu Gregorius ins Hotel und bringt ihm zwei von ihr gefundene Briefe – beide in Pulten versteckt: der eine im Geheimfach von dem ihres Vaters, der andere im Schreibtisch ihres Bruders unter einem Wust von Papieren. „Ich möchte nicht die einzige bleiben, die diese Briefe kennt“, sagt sie Mundus, bevor sie geht.

Er öffnet den ersten. „Es war ein Brief von Amadeu an seinen Vater. Ein nie abgeschickter Brief, der über viele Jahre stets von neuem überarbeitet worden war.“ In diesen Zeilen sucht Amadeu schreibend Klarheit zu gewinnen über seine Empfindungen gegenüber seinem Vater, dem von Schmerz gebeugten Richter, und legt (auch sich selber) Rechenschaft ab über sein Verhalten gegenüber dieser mächtigen Autorität, die vielleicht eines Tages auch über ihn, den Sohn, richten würde:
... und manchmal denke ich, dass ich alles, was ich tat, aus diesem einen Grunde tat: um einer möglichen Anklage, die ich zu kennen schien, ohne etwas von ihr zu wissen, zuvorzukommen.“
www.wikipedia.org
Das erinnert sehr stark an den wohl berühmtesten Brief eines Sohnes an seinen Vater, an die im November 1919 mehr als 100 Seiten umfassenden Zeilen Franz Kafkas, deren Faksimile der Fischer Verlag als Taschenbuch herausgegeben hat und uns so auch ermöglicht, die Ästhetik der Kafkaschen Handschrift zu geniessen.

Das Thema der Sohnesschuld scheint in beiden Briefen auf, bei Kafka expressis verbis, bei Prado verdeckt. In Kafkas Brief ist ein einziges Wort unterstrichen: Schuld, ein Verhängnis, aus dem es kein Entkommen gab für den Sohn:
Dort, wo ich lebte, war ich verworfen, abgeurteilt, niedergekämpft und anderswohin mich zu flüchten [gemeint ist ins Schreiben und in die Ehe, T.B.] strengte ich mich zwar äusserst an, aber das war keine Arbeit, denn es handelte sich um Unmögliches, das für meine Kräfte bis auf kleine Ausnahmen unerreichbar war.“
Prados Schuld ist zwar ebenso virtuell wie diejenige Franz Kafkas, bestimmt jedoch auch das ganze Leben des Sohnes Amadeu, der am Ende des zweiten Teils seines nie abgeschickten Briefs seinen Vater bitter fragt:
Warum bist Du Richter geworden, Papá, und nicht Verteidiger?“

Franz Kafka und Amadeu Prado, die wirkliche Person und die literarische Figur, sind verschieden umgegangen mit der sie quälenden richterlichen Instanz.
Kafka hat ein literarisches Universum geschaffen, wo die Hauptfiguren (ebenfalls) mit übermächtigen Instanzen konfrontiert sind (dem Gericht, dem Schloss, dem Gesetz, dem Vater), an denen sie schuldig geworden sind, ohne etwas Böses oder Verbotenes getan zu haben (Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet.“). Und scheitern.
Prado ist Arzt geworden – vermutlich um „geschützt zu sein gegen den Vorwurf, nicht genügend Anteil zu nehmen an des Vaters stummem Leid“, wie er in seinem Brief schreibt. Als er aber den Chef der Geheimpolizei vor dem Tod rettet und damit moralisch nicht zurecht kommt, tritt er in den Widerstand ein gegen den Diktator Salazar (dessen Regime sein Vater als Richter indirekt unterstützt) und versucht die Befreiung von seiner (Sohnes)Schuld auf diesem Weg.

Zwei Beispiele von dem, was Peter von Matt „Familiendesaster“ nennt – weitere finden sich in seinem empfehlenswerten Buch von 1995: Verkommene Söhne, missratene Töchter – Familiendesaster in der Literatur. Vielleicht finden wir unsere eigene Geschichte darin ebenfalls gespiegelt?

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