Mittwoch, 1. Mai 2013

Das Schreiben als Goldschmiedekunst der Worte


Man ist nicht richtig wach, wenn man nicht schreibt. Und man hat keine Ahnung, wer man ist. Ganz zu schweigen davon, wer man nicht ist.“
Das hat Prado Adriana, seiner Schwester und Praxishilfe, anvertraut, als er zu schreiben begonnen hatte, wie diese Gregorius erzählt, als sie beide im Arbeitszimmer des Goldschmieds der Worte stehen und Adriana ihm die dicken Stösse von Blättern zeigt, die in zwei verschlossenen Schreibtischschubladen liegen. Mundus ist tatsächlich empfangen worden im blauen Haus: von Prados Schwester, einer „grossen, ganz in Schwarz gekleideten Frau, die in ihrer strengen, nonnenhaften Schönheit einer griechischen Tragödie zu entstammen schien. (...) Eine eisige Glut ging von ihr aus“, heisst es – der Berner Gymnasiallehrer weiss also, dass mit allem zu rechnen ist, und wendet sich schon wieder zum Gehen.
Wider Erwarten lässt sie ihn jedoch eintreten und führt ihn zuerst in Prados Bibliothek, zu den „endlosen Bücherwänden“, und dann in sein seit 31 Jahren unverändert gelassenes Arbeitszimmer, das Gregorius als „Sanktuarium, als Altarraum des Gedenkens“ vorkommt.

Prado war ganz offensichtlich auf einer „ewigen, atemlosen Suche nach Worten“, sowohl als Leser, wie dann auch als deren Goldschmied.

Warum las er atemlos? Warum liest man überhaupt?
Zu dieser Frage gibt es eine berühmte Darstellung, den wundervollen (und schwergewichtigen) Band von Alberto Manguel, Eine Geschichte des Lesens. In einer Rezension dazu steht, dass Manguel darin die „Menschheitsgeschichte als Geschichte des Lesens und des Schreibens erzählt, als Geschichte der Bücher und der Bibliotheken, und plötzlich begreift man, dass alles, was Menschen je gefühlt, gedacht, erlitten haben, darin enthalten ist.“

Die Frage, warum einer schreibt, ist ebenso schwierig zu beantworten. Prado sagt, dass man wacher wird, aufmerksamer, achtsamer – und dass man erst schreibenderweise „zu sich kommt“, eine Ahnung bekommt, wer man ist respektive wer man nicht ist. In der Psychologie gibt es eine Art Bonmot, das besagt: „Erst wenn ich höre, was ich sage, kann ich wissen, was ich denke.“ Sich äussern hilft oft weiter, und das Schreiben ist eine Form davon.

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