Donnerstag, 2. Mai 2013

Darf man sich wichtig nehmen?

Sieben Tage ist es her, dass Gregorius mitten aus einer Schulstunde gegangen und ein paar Stunden später aufgebrochen ist nach Lissabon, um mehr über den Autor eines zufällig gefundenen Buches herauszufinden: Amadeu de Prado. Auf dieser Suche nach dem „Goldschmied der Worte“ gewinnt Mundus eine neue Perspektive auf sein eigenes Leben – und wir Leserinnen und Leser von Pascal Merciers Roman erhalten ebenfalls die Möglichkeit dazu. Wer Bücher liest, lebt gefährlich – denn es kann sein, dass man sein Leben ändert!

Der Philosoph Peter Bieri alias Pascal Mercier verfasst Romane, die nicht nur packende Geschichten enthalten, sondern immer auch ein vibrierendes Netz philosophischer Themen ausbreiten. Im Kapitel 14 beispielsweise erfahren wir, wie Mundus einen ersten Teil von Prados Geschichte erzählt bekommt vom Onkel seiner neuen Augenärztin, João Eça. Zum Thema Christentum zitiert Eça seinen ehemaligen Mitstreiter im Widerstand gegen das Salazar-Regime wie folgt:
Eine Religion, in deren Zentrum eine Hinrichtungsszene steht, finde ich abstossend. Stell dir vor, es wäre ein Galgen gewesen, eine Guillotine oder eine Garrotte. Stell dir vor, wie unsere religiöse Symbolik dann aussähe.“
Solches lässt einen nachdenklich zurück!

Ebenso ein völlig anderes Thema, das im Folgekapitel aufscheint. In einem der Texte in Prados magischem Buch geht es darum, wie wichtig etwas ist respektive wie wichtig man etwas nehmen darf. Amadeu referiert einen Ausschnitt aus einem Gespräch mit seinem Vater, dem gestrengen, von Schmerz gepeinigten Richter:
'Ich will in eine andere Schule', sagte ich mit einer Stimme, die fester klang, als sie sich von innen her anfühlte, 'die jetzige ist unerträglich.' 'Du nimmst dich zu wichtig', sagtest Du und riebst am silbernen Griff des Stocks. 'Was, wenn nicht mich, sollte ich wichtig nehmen?' fragte ich. 'Und den Standpunkt der Ewigkeit – den gibt es nicht.'“
Bezogen auf die Ewigkeit relativiert sich das aktuell Wichtige zu etwas wichtig Scheinendem und wird schliesslich zur Nichtigkeit. Wer sich in der Geborgenheit der christlichen Religion aufgehoben weiss, zum Beispiel, mit der Aussicht auf „das ewige Leben“, wird eine solche „Verkleinerung“ des aktuell Bedeutsamen erleben. Wer das aber nicht tut, wie schon der junge Amadeu de Prado, „der gottlose Priester“, wie ihn João Eça nennt, für den stellt sich die Frage der Wichtigkeit in der Tat anders.

Darf ich mich wichtig nehmen? Wenn ja: Ist das dann unbescheiden? Warum soll ich mich nicht wichtig nehmen? Was wird als Tugend empfohlen? - Wenn das Ziel der Schule die Ausformung selbstbewusster, mündiger Menschen ist, welche Bedeutung hat dann die persönliche Wichtigkeit im Erziehungs- und Bildungsgeschehen?
So viele Fragen.

Etwas Schopenhauer noch – als Dessert quasi:
Gross überhaupt ist nur der, welcher bei seinem Wirken ... nicht seine Sache sucht, sondern allein einen objektiven Zweck verfolgt... (...) Klein hingegen ist alles auf persönliche Zwecke gerichtetes Treiben...“

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Hinweis: Nur ein Mitglied dieses Blogs kann Kommentare posten.