Mittwoch, 29. Mai 2013

Bin ich noch ich, wenn man mich erzogen hat?

Ich erzittere beim blossen Gedanken an die ungeplante und unbekannte, doch unausweichliche und unaufhaltsame Wucht, mit der Eltern in ihren Kindern Spuren hinterlassen, die sich, wie Brandspuren, nie mehr werden tilgen lassen. Die Umrisse des elterlichen Wollens und Fürchtens schreiben sich mit glühendem Griffel in die Seelen der Kleinen, die voller Ohnmacht sind und voller Unwissen darüber, was mit ihnen geschieht. Wir brauchen ein Leben lang, um den eingebrannten Text zu finden und zu entziffern, und wir können nie sicher sein, dass wir ihn verstanden haben.“
Was für eine Bildsprache! Was für eine brisante Aussage!
Sie findet sich ebenfalls in diesem nie abgeschickten Brief an den Vater, welchen Prado verfasst hat, und könnte in ihrer Aktualität durchaus von Alice Miller oder Arno Gruen stammen – von zwei modernen Forschenden also, die als Beispiele dienen mögen für Psychologen, die die Beschreibung dessen versucht haben, was Erziehung in weitestem Sinn einem Kind antun kann.
Diesen „eingebrannten Text“ nennt die Transaktionsanalyse Skript, die Psychoanalyse Über-Ich; er lässt sich verdutlichen mit Begriffen wie „Glaubenssätze“ oder „verlängerter Arm der Erziehung (der Eltern)“ - oder mit den Worten Prados als „mächtiger Text in mir, der über allem geherrscht hat, was ich bis heute fühlte und tat.“

Die Frage, die sich in solchen Zusammenhängen stellt, ist seit Jahrzehnten dieselbe: Bin ich eigentlich ich? Oder das Produkt meiner Erziehung, das dem Ich, welches ich ohne sie hätte ausbilden können, nur noch in etwa gleicht? Wer hätte ich werden und sein können, wäre ich nicht ge- und verformt worden durch erzieherische Einwirkungen?
Arno Gruen hat dazu eine klare Meinung, die er in all seinen Büchern aufs Eindrücklichste dargelegt hat (am deutlichsten vielleicht in Der Fremde in uns):
Hier offenbart sich der Teufelskreis unserer Entwicklung. Sie ist durch eine Kultur geprägt, die Eltern dazu bringt, die Lebendigkeit und Lebenslust ihrer Säuglinge als störend oder gar bedrohend zu erfahren. Ein Kind wird dann bald voller Angst und Unbehagen sein. So lernt es früh, dass der Teil in ihm, der sein eigenes ursprüngliches Selbst ist, die Beziehung zu den Eltern gefährdet und deshalb schlecht ist. Das Eigene wird unversehens zum Fremden gemacht. Dieses eigene Fremde aber muss von nun an beständig bekämpft werden. So wird es unterdrückt und durch ein erwartetes Verhalten ersetzt.“
Eine solche Entwicklung kann laut Gruen zum „Wahnsinn der Nomalität“ führen.

Dieser „mächtige Text“, der gleich einem Motto über Amadeu Prados Leben stand, lautet:
DIE ANDEREN SIND DEIN GERICHTSHOF.“ Unter diesem Verdikt des Vaters stand das Leben des Sohnes. Es gleicht einem anderen – berühmten – Satz aus der Weltliteratur, der Aussage: „L'enfer, c'est les Autres“ im Theaterstück von Jean-Paul Sartre, Huis clos von 1944. Wer immerzu unter dem urteilenden und letztlich richtenden Blick anderer zu leben verdammt ist, wird kaum je autonomes Subjekt seiner Lebensführung werden können.

Ja: Wer sind wir denn als angepasste Menschen? Wieviel Ich steckt noch in mir – abgesehen von meinem Genpool? Wen sehe ich, wenn ich in den Spiegel schaue?