Montag, 13. Mai 2013

Aufbrechen, um wiederzukommen?

Merciers Roman hat vier Teile:
- Der Aufbruch
- Die Begegnung
- Der Versuch
- Die Rückkehr
Schon im Inhaltsverzeichnis ist also angedeutet, wohin die Reise geht: Zurück zum Ausgangspunkt. Insofern gleicht sie vielen Initiationsgeschichten, auch vielen Märchen, wo man auszieht und – verwandelt – zurückkommt.
Weggehen, von sich weg gehen, das alt Bekannte für eine Zeit lang zurücklassen, aus den gewohnten Bezügen und Beziehungen ausbrechen; wer hätte nicht schon davon geträumt! Neue Horizonte kennen lernen, die Sonne anderswo untergehen sehen, neue Aussichten geniessen – eine neue Sicht gewinnen, neue Perspektiven bekommen: Reisen relativieren, auf Reisen kann man das Fürchten lernen, jedoch auch Müllers Lust erleben – aber Reisen ist und bleibt gefährlich (das kann man jedenfalls bei Lars Gustafsson nachlesen):
Es tut den Menschen nämlich nicht gut, wenn sie zuviel reisen. Sie laufen Gefahr, sich aus Versehen selber anzutreffen“ (Das seltsame Tier aus dem Norden)
In Max Frischs Roman Stiller kommt einer zurück und will nicht mehr der sein, als der er gegangen ist: „Ich bin nicht Stiller!“, so der (berühmte) erste Satz des Romans. Dieser Stiller ist seinerzeit vor sich selber davon gelaufen und muss jetzt, nach seiner Rückkehr, erleben, dass er für diejenigen, die zuhause geblieben sind, nach wie vor der ist, als den sie ihn vor seiner Flucht gekannt haben. Er wird – sogar gerichtlich! – dazu verurteilt, der zu sein, der er war, und muss lernen, in seine Existenz einzuwilligen und seine Identität zu übernehmen.

Man kann untertauchen – muss jedoch irgendwo und irgendwann wieder an die Oberfläche kommen. So auch der Ich-Erzähler in einem frühen Text von Paul Nizon, Untertauchen (1972), der eines Tages „von seinem Auftrag abkommt. Mit sich zu tun hat. Antonia kennenlernt. Untertaucht. Basta.“ Als er wieder auftaucht, kündigt er seinen Job, seine Ehe, fühlt sich „frei“: „Ich sei bei mir angekommen und ... kurz davor, ganz in eine eigene Arbeit unterzutauchen“, schreibt er einem Freund. Auch hier: Die Reise, die Auszeit als Möglichkeit, zu sich zu kommen.

Dass einer zu sich kommt und deswegen geht, lässt sich in Markus Werners wundervollem Roman Zündels Abgang von 1984 nachlesen, wo ein Gymnasiallehrer – wie Mundus – mitten aus einer Lektion gehen will, jedoch vorher zusammenbricht und erst aus der psychiatrischen Klinik und dann aus dem Ferienhaus eines Kollegen, in welchem er sich verschanzt hat, endgültig abhaut. „Bis auf weiteres abwesend“ hinterlässt er auf einem Fetzen Papier. Und damit schliesst der Roman.
Der Traum vom Verschwinden. Vom Fortsein. Eines Tages zur Tür hinausgehen und nicht wiederkehren.“ (Tomas Espedal, Gehen)
Ist es das, was uns an Mundus' Aufbruch, an Merciers Roman, so sehr fasziniert? Und mit ihm an all den Geschichten von denen, die es statt unserer gewagt haben abzuhauen, wegzugehen, unterzutauchen?

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