Freitag, 12. April 2013

Was sehe ich, wenn ich in den Spiegel schaue?

Mundus erwacht zu einem weiteren Tag in Lissabon, der "Stadt, in die er aus seinem Leben davongelaufen war." Er hat keine Ahnung, wie es weitergehen soll, was er eigentlich da noch will. Das einzige, das er weiss: Rückkehr, undenkbar: "Jetzt in Zürich landen und in Bern aus dem Zug steigen war nicht mehr möglich." 
"Was sonst? War es das, was der Gedanke an die verrinnende Zeit und den Tod bewirkte: dass man auf einmal nicht mehr wusste, was man wollte? Dass man seinen Willen nicht mehr kannte? Dass man die selbstverständliche Vertrautheit mit dem eigenen Wollen verlor? Und sich auf diese Weise fremd und zum Problem wurde?"
Das Bewusstsein der eigenen Sterblichkeit, verändert vermutlich manches. Das eigene Leben bekommt eine andere Art von Wichtigkeit, was man tut oder nicht tut, wird auf andere Weise bedeutsam, es ist nicht mehr beliebig, welche der unendlich vielen Möglichkeiten man verwirklicht. Denn das eigene Dasein ist befristet.
Speziell interessant an Raimund Gregorius' Überlegungen ist, dass aus dieser Bewusstheit des Todes eine Fremdheit erwächst sich selber gegenüber - eine Fremdheit, die er bei Prado wiederfindet, als er in seiner Unsicherheit dessen Buch aufschlägt und den Text DAS INNERE DES ÄUSSEREN DES INNEREN für sich übersetzt. In diesem langen Eintrag beschriebt Prado eine komplexe Situation: Er steht vor einem Schaufenster, erblickt sein eigenes Spiegelbild und gleichzeitig dasjenige eines Mannes, der hinter ihm steht und den wirklichen und den gespiegelten Prado sehen kann. Er fragt sich, welchen Eindruck er bei diesem Mann wohl hinterlässt, und denkt: "So, wie ich aussah und wirkte, war ich nie gewesen, keine einzige Minute meines Lebens. ... Geht es den Anderen auch so: dass sie sich in ihrem Äusseren nicht wiedererkennen?"

Kann man jemanden so sehen, wie er ist, "objektiv", "unvoreingenommen" - und sei es auch nur sich selber? Prados Antwort lautet: Nein. Denn:
"Menschen sind nicht wie Häuser, Bäume und Sterne. Man sieht sie in der Erwartung, ihnen auf bestimmte Weise begegnen zu können und sie dadurch zu einem Stück des eigenen Inneren zu machen. Die Einbildungskraft schneidet sie zurecht, damit sie zu den eigenen Wünschen und Hoffnungen passen, aber auch so, dass sich an ihnen die eigenen Ängste und Vorurteile bestätigen können."
Zwei Bemerkungen dazu:
Der Autor (Peter Bieri? Pascal Mercier? Prado?) hätte es sich einfacher machen und schreiben können: Selbstwahrnehmung und Fremdwahrnehmung sind nicht dasselbe - wenn zwei dasselbe anschauen, sehen sie nicht dasselbe. Das Wunderbare an diesem Text ist jedoch, dass der Autor (einer der drei Genannten wird es sein...) es sich nicht leicht macht, den Verästelungen seiner Gedanken mit einer sehr präzisen, aber in keiner Weise "technisch-abstrakten" Sprache nachzugehen sich bemüht und es so den Leserinnen und Lesern (Mundus, uns) ermöglicht, "nachzukommen", zu verstehen.
Im Übrigen ist es so, dass das, was hier gedacht und beschrieben wurde, genau passt auf einen Befund der Hirnforschung: dass nämlich mehr Nervenbahnen vom Gehirn zu den Augen führen als von den Augen ins Gehirn - das bedeutet, dass wir alle unsere Wahrnehmungen "machen", dass das, was wir sehen, nie das ist, was "objektiv" da ist. 
"Ist sie ein Übel, diese Fremdheit und Ferne?", fragt sich Prado zum Schluss.

Mundus geht in die Stadt und versucht vor einem riesigen Spiegel in einem Kleidergeschäft nachzustellen, "was Prado getan hatte: sich in einen fremden Blick hineinzuversetzen.... Sich selbst wie einem Fremden zu begegnen, einem, den man gerade erst kennenlernt." Er versucht sogar, Prados Körperhaltung einzunehmen - und dann geht ihm, endlich, auf, was er will: "Er wollte wissen, wie es gewesen war, Amadeu de Prado zu sein. Um durch dieses Verstehen hindurch näher an die Welt heranzurücken?"