Montag, 8. April 2013

Vom Wissen und vom Verstehen

Raimund Gregorius, der Altphilologe, sitzt im Zug nach Lissabon. Er erinnert sich an seine Griechischlektionen als Schüler beim Lehrer mit "der schönsten griechischen Handschrift, die man sich denken konnte" und an seine Einsicht, hinten im Klassenzimmer, dass ihn etwas störte an dieser Lehrkraft: Sie "liebte das Griechische. Aber sie liebt es auf die falsche Art." Inwiefern? "Wenn dieser Mann virtuos ... die schwierigsten Verbformen hinschrieb, so zelebrierte er nicht die Wörter, sondern sich selbst als einen, der sie konnte." Dieser Lehrer, einer von Gregorius' Vorgängern, verfügte zwar über ein stupendes Wissen, das er jedoch wie einen exquisiten Wein darbot oder ein erlesenes Kunstobjekt zur Schau stellte. "Aber er verstand nichts davon."

Mit diesem Verstehen meint Mundus, dass sein ehemaliger Lehrer all das, was er an Wissen besass, zwar fleissig geäufnet, gelernt, gehegt und gepflegt hat, dass er es sich jedoch nicht angeeignet, integriert, also mit seinem Menschsein verwoben hat. Der innere Bezug dazu fehlt. Entsprechend kamen diese Wissensdemonstrationen dem Schüler Raimund eher wie ein Gang durch eine Ausstellung vor.

Brillanter Frontalunterricht erreicht auch heutige Studierende kaum, wenn der emotionale Bezug der Lehrperson zu dem, was sie unterrichtet, fehlt, wenn ihr Wissen den Ruch des Angelernten, unverdaut Wiedergegebenen hat. Verstandenes Wissen hingegen wirkt authentisch, weil erkennbar wird, dass es für die Lehrperson bedeutsam geworden ist und damit eine neue Art von Originalität zurückgewonnen hat.

Gelerntes Wissen kann erst dann bedeutsam werden für jemanden, wenn es - im dargelegten Sinn -  verstanden wurde.

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