Dienstag, 9. April 2013

Und wenn ich ein anderes Leben gelebt hätte?

Mundus ist angekommen in Lissabon. Nach Stunden bleiernen Schlafs liest er wieder in Prados Buch - die Stelle, wo dieser den Moment der bestandenen Abschlussprüfung beschreibt, "jene Minuten auf dem Schulhof, in denen die Vergangenheit von uns abgefallen war, ohne dass die Zukunft schon begonnen hätte." Den Punkt Null sozusagen, an dem (nochmals) alles möglich scheint, an dem auch Prado eine ganz andere Richtung hätte einschlagen können als diejenige, "die aus mir den gemacht hat, der ich nun bin".

Die Augenblicke bestandener Prüfungen scheinen ganz besonders geeignet für solches Erleben, denn sie markieren Übergänge: Ein Kapitel ist abgeschlossen, das neue hat noch nicht begonnen, das Leben scheint für einen Moment still zu stehen, den Atem anzuhalten - und doch: Ist im Grunde nicht jeder Moment meines Lebens ein solcher Moment? Oder ist es vielmehr so, dass jeder Augenblick aus dem vorangegangenen Moment geboren wird, mit schicksalshafter Zwangsläufigkeit? 
Könnte ich ein-e andere-r geworden sein oder werden? Habe ich - abgesehen von Äusserlichkeiten - je eine wirkliche Wahl?

Mundus geht durch die nächtliche Stadt, folgt einem älteren Mann und fragt sich: "Wie war es, dieser Mann zu sein?" - so, wie Prado im Text sich vorstellt, "wie es gewesen wäre, ein ganz anderes Leben zu leben." Dass die Schilderung des Portugiesen ihn berührt, erstaunt nicht, denn dessen Gedanken und seine eigenen verweben sich zur selben Frage: Könnte ich ein anderer geworden sein? Kann ich den Gang meines Lebens (noch) ändern?
"Der Schlag traf ihn unvorbereitet", heisst es dann (77) - in genau diesem Moment existentiellen Fragens reisst ein hühnenhafter Rollschuhfahrer Gregorius beim Überholen die Brille herunter, "die unter seinem Fuss knirschend zerbrach." Zwar hat Mundus auf Anraten seines Augenarztes Doxiades eine Ersatzbrille mitgenommen, aber die Passage macht deutlich: Ein neuer, ein anderer Blick ist gefragt. Die Sicht auf die Welt wird neu zu vermessen sein.

Angemerkt sei, dass wir diese Thematik auch bei anderen Autoren finden. Bei Max Frisch zum Beispiel: Biografie. Ein Spiel:
"Kürmann: Biografie! Ich weigere mich zu glauben, dass unsere Biografie, meine oder irgendeine, nicht anders aussehen könnte."
Das Motto, das Frisch dem Stück voranstellt, ist von Anton Tschechov:
 „Ich denke häufig; wie, wenn man das Leben noch einmal beginnen könnte, und zwar bei voller Erkenntnis? Wie, wenn das eine Leben, das man schon durchlebt hat, sozusagen ein erster Entwurf war, zu dem das zweite die Reinschrift bilden wird! Ein jeder von uns würde dann, so meine ich, bemüht sein, vor allem sich nicht selber zu wiederholen […].“
Auch bei J. P. Sartre findet sich Varianten dieser Thematik: Im Filmdrehbuch Les jeux sont faits ebenso wie im Kammerspiel Huis clos, die sich beide auch um die Frage drehen: Bin ich festgelegt in meinem Leben - oder darf/muss ich mich laufend (neu) wählen?

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Hinweis: Nur ein Mitglied dieses Blogs kann Kommentare posten.