Mittwoch, 10. April 2013

Was hält einen in einer fremden Stadt?

Mundus erwacht in seinen dritten Tag seit der Begegnung mit der Portugiesin auf der Berner Kirchenfeldbrücke, innerlich bereit zum Rückflug - doch es gibt kein Zurück für ihn, denn der Tag erstrahlt in einem derart "betörenden Licht", dass "die einzige Möglichkeit, die man hatte, war, in die Zukunft aufzubrechen." Also sucht er eine ihm von seinem Bekannten aus dem Nachtzug empfohlene Augenärztin auf, Mariana Conceição Eça. Sie untersucht ihn lange und auf ungewohnte Art und Weise und ruft dann einen Optiker an - als er sie Portugiesisch reden hört, "ergab es einen Sinn, dass er in dieser Stadt war."
Ein Drittes - neben dem Licht und dem Zauber des "Português" - kommt hinzu, das Gregorius auch den letzten Rest an Rückkehrgedanken nehmen würde, gäbe es sie noch: sein Besuch in einem Buchantiquariat. Interessant ist, welche dieser portugiesischen Bücher, "die er eigentlich gar nicht lesen konnte", er aus dem Regal nimmt und kauft:

  • O GRANDE TERRAMOTO (über das Erdbeben von 1775, das Lissabon verwüstete)
  • A MORTE NEGRA (über die Pestepidemie im 14. und 15. Jahrhundert)
  • O CRIME DO PADRE AMARO

Drei Titel, die in einem inneren Bezug zu stehen scheinen mit dem, was Gregorius seit drei Tagen geschieht.

Und dann steht er vor dem Buch, das zu den grossartigsten gehört, die er kennt, und an dessen Lissaboner Autor er erstaunlicherweise bis jetzt nicht gedacht hat: 
Fernando Pessoa, O LIVRO DO DESASSOSSEGO 

Benutzen wir die Gelegenheit, in diesem "Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares" kurz zu blättern und zu schauen, ob sich darin Gedanken zum Reisen finden! Natürlich. Zum Beispiel:
"Die Vorstellung zu reisen erfüllt mich mit Ekel. Ich habe bereits alles gesehen, was ich nie gesehen habe. Ich habe bereits alles gesehen, was ich noch nicht gesehen habe." (Nr. 122)
"Ich verstehe, dass reisen muss, wer unfähig ist zu fühlen. (...) Ewige Reisende in uns selbst, sind unsere Landschaften, was wir sind." (Nr. 123)
"Was ist reisen, und wozu dient es? Jeder Sonnenuntergang ist ein Sonnenuntergang, um ihn zu sehen, muss man nicht nach Konstantinopel. (...) Selbst wer alle Meere durchkreuzt hat, hat nur die eigene Eintönigkeit durchkreuzt." (Nr. 138)
Insgesamt Gedanken, "die einsamer waren als alle Gedanken, von denen die Welt vor ihm und nach ihm gehört hatte", findet Mundus, der jetzt - mithilfe der Bücher - "Berührung mit der Stadt aufnahm." Die neue, leichtere Brille ist in Arbeit, das Licht lässt die Berner Schneeflocken vergessen, Pessoas Buch wird notfalls für weitere Unruhe sorgen.... Gregorius ist angekommen in Lissabon.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Hinweis: Nur ein Mitglied dieses Blogs kann Kommentare posten.