Sonntag, 14. April 2013

Im Zwischenland

Mundus ist aus seinem Leben davongelaufen, wie er selber denkt. Nach Lissabon, weil eine "Besucherin aus einer anderen, fernen Welt" und ein zufällig gefundener Text in einer Berner Buchhandlung ihn gleichsam in diese Stadt gewiesen haben. Er spürt schon nach kurzer Zeit "eine neue Art, in der Welt zu sein", eine neue Art von Wachheit - er ist daran, sich zu verändern.

Wer sich verändern will, beginnt häufig mit seinem Äusseren. Auch Gregorius. Gezwungenermassen muss er sich zuerst eine neue Brille beschaffen - und siehe da: die neue, "federleichte Brille" sitzt, und er sieht "besser als jemals zuvor", was ihn jedoch alles andere als erfreut. Denn "so war die Welt anstrengend ...., war näher und bedrängender, sie verlangte mehr von einem, ohne dass klar war, worin ihre Forderungen bestanden."
Bevor er wieder zu seiner Augenärztin geht, betrachtet er sich und seine schäbige Kleidung im Spiegel und entdeckt den doppelten  Kontrast: im Verhältnis zu den gutgekleideten Männern um ihn herum und zur Eleganz seiner neuen Brille. Er kauft sich folglich einen Anzug (aus grauem Kord), einen weinroten Rollkragenpullover und fragt sich, als er sich in einem Schaufenster betrachtet, ob das Rot des neuen Brillengestells zur Farbe des Pullovers passt.
Gregorius scheint ein kleines Bisschen eitel zu werden - obschon ihn die Veränderungen in seinem Äusseren auch wütend machen. Wir aber freuen uns darüber! (Wieso eigentlich?)

Er erkennt auch, dass die erste Stelle in Prados Buch, die er mit der neuen Brille liest, auf sein (neues) Leben passt: 
"Der wirkliche Regisseur unseres Lebens ist der Zufall - ein Regisseur voll der Grausamkeit, der Barmherzigkeit und des bestrickenden Charmes."
Ein weiteres Mal wird klar, dass Merciers Roman ein tief philosophisches Buch ist, welches immer wieder sogenannt "grosse Fragen" anschneidet. Zum Beispiel hier die Frage, ob unser Lebenslauf schicksalshaft gewoben resp. in determinierten Bahnen vorgezeichnet ist - oder aber dem Zufall unterliegt. Womit wir beim alter ego des Autors wären, bei Peter Bieri, dem Philosophen, und seinen Büchern "Das Handwerk der Freiheit. Über die Entdeckung des eigenen Willens" (2000) und "Wie wollen wir leben?" (2011), die u.a. ebenfalls um die Trias Freiheit - Zufall - Determiniertheit kreisen.

Der Zufall bei Prado: Grausam? Barmherzig? Charmant? Darüber werden wir wohl noch nachdenken...