Samstag, 6. April 2013

Die Goldschmiedekunst der Worte

Raimund Gregorius ist 57, als er in den Nachtzug steigt und seine ganz eigene Nachtmeerfahrt antritt. Die Frage, ob der Weggang aus seinem gewohnten Leben in seinem Alter noch sinnvoll ist, stellt er nicht - er geht einfach. Warum? Die unbekannte Frau auf der Brücke und das Wort "Português", welches sie ausspricht, mögen eine Rolle spielen; einen entscheidenden Impetus empfängt Mundus jedoch auch von einem rätselhaften Buch eines ihm unbekannten Autors, auf das er in der Buchhandlung zufällig stösst und das ihm der Buchhändler schenkt. Zwar ist es ausgerechnet in dieser Sprache verfasst, von der Mundus bis jetzt ein einziges Wort gehört hat:  "Português", aber schon die ersten Sätze, welche ihm der Buchhändler vorliest und übersetzt, entfalten "in ihm eine betäubende Wirkung" - eine Wirkung, die sie vielleicht auch für uns haben? Zum Beispiel:
"Wenn es so ist, dass wir nur einen kleinen Teil von dem leben können, was in uns ist - was geschieht mit dem Rest?"
Gregorius kauft sogleich einen Portugiesisch-Kurs, geht nach Hause, hört stundenlang die dazugehörigen Platten, spricht Sätze nach und beginnt, das Buch des Portugiesen am Küchentisch zu übersetzen. Dem Telefon, das pausenlos klingelt, verweigert er sich, denn er ist "dabei, eine grosse Befreiung zu erleben; die Befreiung von einer selbstauferlegten Beschränkung...; die Befreiung von einem Bildnis seiner selbst." Zudem verleiht ihm der Autor "mit der Schärfe seiner Wahrnehmung eine Wachheit und Genauigkeit des Empfindens", die er nie erfahren hat.

Bücher, Texte, Sätze, ja: Worte können in sich magische Kräfte bergen, die uns elektrisieren. Nicht zufällig sprechen Zauberer zu ihren Kunststücken Zaubersprüche. Keine Zauberkunst ohne Sprache. Welt wurde (und wird) durch Sprache: "Und Gott sprach: Es werde...!" 
Was rührt Mundus derart an, dass er nicht anders kann, als sich aufzumachen in das Land, wo man "Português" als Muttersprache spricht und wo der Autor herstammt, der sich einem "Goldschmied der Worte" vergleicht? Es ist die Wirkung dieser Worte, die "klangen, als seien sie allein für ihn geschrieben worden". Mundus fühlt sich angesprochen, exklusiv gemeint, in seinem Tiefstinneren bewegt. Er fühlt sich erkannt, vielleicht auch ertappt in seinem Sosein. Es ist, als ob der portugiesische Autor gewusst hätte, dass es Gregorius gibt, und seine Sprach- und Gedankenschmuckstücke eigens für ihn geschmiedet hätte.

Gibt es ein Buch, das unser Leben geändert hat? Gibt es Sätze, die uns betäubt haben? Gibt es einen Text, der haarfein auf unser Leben passt?

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