Freitag, 5. April 2013

Die Frau auf der Brücke

An einem Vorfrühlingstag reisst eine rätselhafte Frau Raimund Gregorius, von seinen Schülerinnen und Schülern liebevoll Mundus genannt, aus seinem alltäglichen Leben als Lehrer für Latein, Griechisch und Hebräisch an einem Berner Gymnasium. Er trifft sie auf seinem Schulweg mitten auf der Brücke, wo sie sich anschickt, aufs Geländer zu klettern und zu springen. Laut fluchend lässt er seine Mappe fallen, worauf die Frau sich umdreht und ihm mit Filzstift eine Folge von Zahlen auf die Stirn schreibt. - Sie begleitet ihn in seine Schulstunde, verlässt aber das Unterrichtszimmer nach einiger Zeit wieder, wortlos, mit einer Geste, die ihm sagt: Es kann keine Fortsetzung geben. "Konnte man, was in der nächsten Viertelstunde [der zweiten Doppelstunde] mit ihm geschah, eine Entscheidung nennen?" Gregorius geht nämlich auch aus der Stunde, er, der "keine Ahnung hatte, was das eigentlich hiess: weggehen".

So beginnt Pascal Merciers Roman von 2004, der inzwischen - mit einigen wesentlichen Abweichungen von der Vorlage - verfilmt wurde.

Der Mensch, der urplötzlich die Richtung seines Lebens ändert, interessiert uns immer. Er erinnert uns daran, dass das Leben, das wir führen, ganz anders verlaufen könnte, ja: vielleicht sogar sollte. Gewohnheiten geben Halt, machen die Lebensräume vertraut und dämpfen die Angst vor der Ungewissheit der Zukunft; sie legen sich jedoch auch um uns wie Hüllen, die den Ausblick verwehren und uns ein Gefühl des Eingeschlossenseins vermitteln können. Deshalb wartet manch einer, manch eine auf einen solchen "Anruf" von aussen, hofft auf eine solche "Frau auf der Brücke", auf ein Ereignis, welches den neuen, anderen Blick auf das Alltägliche ermöglichte - so, wie es Mundus erlebt, der seine Schüler "auf einmal betrachtete, als sähe er sie zum erstenmal."

Der Zauber, welcher dem Altphilologen diesen "Augenblick, der alles entschied", verheisst, wird verstärkt durch ein einziges Wort dieser "Besucherin aus einer anderen, fernen Welt": auf seine Frage, welcher Muttersprache sie sei, antwortet sie: "Português".
"Am Anfang war das Wort", heisst es im Johannesevangelium - das Wort, aus dem dann alles geschaffen, geschöpft wird. Beim Klang dieses Wortes geht auch für Raimund Gregorius eine Welt neu auf; er wird - in der Tasche ein Zufallsfund aus der Buchhandlung (Amadeu Inácio de Almeida Prado, Um Ourives das Palavras, Lisboa 1975) - aufbrechen, in den Zug steigen und nach Lissabon fahren. Im Nachtzug.

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