Dienstag, 30. April 2013

"Als läge meine ganze Zukunft hinter dieser Tür"

Die Nacht auf den sechsten Tag seit seinem Aufbruch verbringt Mundus wieder mit Lesen in Prados Buch. Der Zufall hat ihm eine Stelle vor Augen gelegt, die so beginnt:
"Begegnungen zwischen Menschen sind, so will es mir oft scheinen, wie das Kreuzen von besinnungslos dahinrasenden Zügen in tiefster Nacht."
Und sie endet mit der Frage:
"Ist es nicht in Wahrheit so, dass nicht die Menschen sich begegnen, sondern die Schatten, die ihre Vorstellungen werfen?"
Was bedeutet es für das eigene Leben, Menschen zu begegnen? Was braucht es, damit sich eine flüchtige Begegnung vertieft und in den Wunsch mündet, sich kennen zu lernen? Wann wird aus dem Kennenlernen mehr, Freundschaft, Liebe, Beziehung? Bedeutet Kennenlernen auch Verstehenlernen?
"War es möglich, dass der der beste Weg, sich seiner selbst zu vergewissern, darin bestand, einen anderen kennen und verstehen zu lernen?"
Begegne ich im anderen auch immer mir selbst?
Ist es deshalb für Gregorius so wichtig, sich auf die Suche nach dem Verfasser des magischen Buches zu begeben? Ein weiterer Schritt auf dem Weg zum Goldschmied der Worte ist jedenfalls getan: Mundus steht vor dem blauen Haus, und ihm ist, "als läge meine ganze Zukunft hinter dieser Tür."
Er klingelt.

Nachsatz: Der Zufall hat mich heute zu folgendem Zitat geführt:

„Deine Fotografie ist für jeden, der wirklich sehen kann, ein Dokument deines Lebens. Du kannst die Lebensweise anderer Menschen betrachten und dich von ihr beeinflussen lassen, du kannst sie sogar dazu benützen, deine eigene zu finden, aber irgendwann musst du dich davon freimachen. Das hat Nietzsche gemeint, als er sagte: „Ich habe gerade Schopenhauer gelesen, jetzt muss ich ihn wieder loswerden.“ Er wusste, wie heimtückisch die Lebensauffassung anderer, vor allem derer, die über das mächtige Instrument profunder Erfahrung verfügen, werden kann, wenn man sie zwischen sich selbst und die eigenen Perspektiven geraten lässt.“   (Paul Strand)

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