Samstag, 6. April 2013

Abschied

"Wer irgendwo ankommen will, muss irgendwo weggehen", heisst es bei John Updike in einem seiner Rabbit-Romane. Auch Raimund Gregorius, die Hauptfigur in Pascal Merciers Roman "Nachtzug nach Lissabon" von 2004, bricht auf, herausgerissen quasi aus seinem gewohnten Leben durch ein Wort ("Português") und ein Buch (Um Ourives das Palavras). Wo er ankommen will, ist weder ihm noch uns ganz klar; das Ziel hat zwar den Namen "Lisboa", Gregorius hat die Fahrkarte dahin gelöst und steigt in einen frühen Morgenzug - aber ausser, dass er "auf eine weite Reise" geht, weiss er nichts Genaues. Es geht vorerst einmal darum, wegzugehen. Im Zug nach Genf denkt er: 
"Um von etwas Abschied nehmen zu können, ... muss man es in eine Klarheit verwandeln, die erkennen liess, was es einem bedeutete. Und das hiess, dass es zu etwas gerinnen musste, das übersichtliche Konturen hatte."
Das heisst, dass es unabdingbar ist sich klar zu machen, von was, von wem genau man sich verabschiedet; was es denn ist, das man zurück lässt. Andernfalls kann man etwas nicht wirklich zurück lassen, sondern "dehnt" es und nimmt mit sich mit, wovon man sich eigentlich verabschieden wollte. Wie ein Kaugummifaden klebt das unklar Verabschiedete noch an einem - auch weil nicht klar ist, welche Bedeutung es für einen hat.
Braucht es eine bewusste Entscheidung à la Gregorius, dass diese Bedeutung sich herausbilden, Konturen bekommen und zur Klarheit eines Abschieds werden kann? Ist es dann erst möglich, dass man diese "andere, neue Art von Wachheit, eine neue Art, in der Welt zu sein" erfahren kann - wie Mundus, als er in Paris "zum erstenmal bei vollem Bewusstsein aus einem Zug steigt"?

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